Trolle, Serpentinen und Schweißperlen
Heute stand die Abfahrt streng geplant auf 9 Uhr. Wir waren hochmotiviert, denn der Tag sollte ganz im Zeichen der norwegischen Trolle stehen! Aber bevor wir ins Reich der Fabelwesen starten konnten, musste natürlich erstmal Roady frühstücken – eine große Portion Diesel. Prioritäten!
Beim Frühstück checkten wir nochmal kritisch unsere Route. Denn heute wollten wir über den legendären Trollstigen – eine der spektakulärsten Straßen Norwegens. Der Name „Trollstigen“ bedeutet übrigens „Troll-Leiter“ und die Straße trägt ihn nicht umsonst: Mit ihren 11 haarsträubenden Haarnadelkurven windet sie sich dramatisch an steilen Felswänden hoch. Früher glaubte man, dass hier Trolle hausten und die unheimlichen Nebelschwaden ihr Werk waren, um Wanderer zu verwirren. Heute macht die Straße das mit Touristen in Mietwagen.
Allerdings gab es noch einen kleinen Nervenkitzel vorab: Laut Norwegischem Verkehrsministerium offen. Google Maps: gesperrt. TomTom: offen. Also 2:1 für Abenteuerlust. Wir setzten auf die norwegische Verkehrsbehörde und stürzten uns ins Ungewisse!
Kurz nach 9 Uhr ging’s los, Sonne im Gesicht, Diesel im Tank. Auf dem Weg legten wir noch einen spontanen Halt an einem kleinen Wasserfall ein. Roady wollte offenbar auch mal durchschnaufen.
Bei den Trollstigen angekommen, die erste Challenge: Parkplatzchaos. Der große Parkplatz war gnadenlos überfüllt und die Ordner wiesen schon Stellplätze am Straßenrand zu. Ab und zu gab’s ein feines norwegisches Hupkonzert für alle, die einfach nur vorbei wollten.
Jule aber wäre nicht Jule, wenn sie nicht heldenhaft eingesprungen wäre. Sie sprang raus und verhandelte kurzerhand mit einem Norweger, der großzügig gleich zwei Parkplätze blockiert hatte. Auf Englisch erklärte sie ihm geduldig die deutsche Parkordnung – mit durchschlagendem Erfolg. Er rückte etwas mürrisch sein Auto zur Seite und wir hatten unsere Lücke. Teamwork!
Oben konnten wir dann erstmal die Aussicht genießen. Wahnsinnsblick über das ganze Tal und das verrückte Straßenband, das sich serpentinenreich hinunterschlängelte. Wir nutzten die Gelegenheit, um den Verkehr von oben genau zu beobachten und einen strategischen Schlachtplan für unsere Abfahrt zu entwickeln. Ich kühlte dabei stilecht meine Füße im eiskalten norwegischen Wasser – Wellness auf Wikinger-Art.
Anschließend ging es noch kurz zum Souvenir-Shoppen. Dem Verkäufer war es dabei übrigens herzlich egal, ob die Kreditkarte beim ersten Mal abgelehnt wurde – er winkte einfach alles durch und erklärte es für bezahlt. Ich vermute, der Rubel rollt dort ordentlich.
Dann wurde es ernst: Abfahrt über die Trollstigen! Jule übernahm wieder den Copilot-Job und navigierte mich gekonnt durch Haarnadelkurven, Gegenverkehr, Radfahrer, Wanderer, Motorräder und den ein oder anderen Reisebus, der ganz offensichtlich an seinen eigenen Wendekünsten zweifelte. Zweimal wurde es sportlich eng, aber am Ende standen wir unten – lebend, glücklich, leicht verschwitzt.
Wir machten uns auf den Weg zum Campingplatz für die Nacht – und das klappte wunderbar. Roady durfte parken und wir konnten einmal durchatmen.
Aber wer glaubt, damit war der Tag vorbei, kennt uns schlecht! Am späten Nachmittag zogen wir nochmal los – nächstes Ziel: Trollkirka! Der Name bedeutet „Trollkirche“ und beschreibt ein Höhlensystem mit spektakulären Felskammern und sogar einem Wasserfall im Inneren. Angeblich sollen Trolle hier ihre finsteren Messen gehalten haben – kein Wunder, dass es so mystisch wirkt.
Die Wanderung hatte es in sich: 400 Höhenmeter bei strahlend blauem Himmel und satten 28 Grad. Wir waren vorbereitet: Wasserflaschen randvoll, Proviant im Rucksack – und los ging’s. Der Weg war alles andere als Spaziergang: Wasserläufe, Schotter, Felsen in allen Größen. Teilweise mussten wir regelrecht klettern. Der Schweiß lief in Strömen – aber wir bissen uns durch.
Nach 2,5 Stunden standen wir endlich oben, fix und fertig und ziemlich stolz. Die Wasserflaschen waren leer, die Energie knapp. Wir überlegten kurz, in die Höhle zu gehen, aber der Weg war steinig und kaum zu erkennen – und aus dem Eingang blies uns ein eiskalter Wind entgegen. Außerdem sah es aus, als könnte man sich da drin problemlos verlaufen und nie wieder rausfinden. Wir entschieden uns für Vernunft und genossen lieber die atemberaubende Aussicht über das Tal. Abendbrot im Stehen: Ich haute mir mein Brötchen rein, Jule knabberte an ihrem Apfel.
Der Abstieg ging zum Glück deutlich schneller und entspannter. Die Temperaturen fielen, eine kühle Brise kam auf und sogar ein bisschen Nieselregen setzte ein – der auf unserer heißen Haut sofort verdampfte. Norwegen-Feeling pur!
Erschöpft, staubig, aber sehr zufrieden kamen wir gegen 21 Uhr wieder bei Roady an. Noch eine kurze Fahrt zurück zum Campingplatz – geschafft! Jetzt sind wir gespannt, was unsere Muskeln morgen dazu sagen. Aber hey – wer Trolle besucht, muss halt mit Abenteuern rechnen!
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