Roady im Serpentinenrausch – unser Abenteuer Richtung Geirangerfjord
Heute Morgen erstmal Entwarnung: Strom wieder da! Die norwegische Stromversorgung hatte sich offensichtlich erholt und der Frieden auf dem Campingplatz war endgültig gesichert. Es tat so, als wäre nie etwas gewesen – alle schlenderten entspannt mit Kaffeetassen über den Platz, als hätten wir nie ohne Landstrom überleben müssen.
Doch uns hielt heute nichts mehr: Geirangerfjord war das große Ziel! Nach intensiver Routenberatung inklusive Kartenstudium, Google-Suche und diskussionsfreudiger Taktikplanung entschieden wir uns für die spektakuläre Landschaftsroute Gamle Strynefjellveg. Laut dem norwegischen Verkehrsministerium war die Straße heute offiziell freigegeben. Unser Navi TomTom sah das allerdings ganz anders. Aber hey – ein bisschen Risiko muss ja sein!
Unser Camper – mittlerweile liebevoll Roady getauft – hatte gestern noch Ruhetag bekommen. Heute sollte er aber zeigen, was er kann. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Er würde heute seinen Meisterprüfung als Bergziege ablegen müssen.
Zuerst legten wir noch einen chilligen Stopp an einem kleinen Strand ein. Füße ins kalte Wasser, kurz runterkühlen, durchatmen – so geht Roadtrip. Danach wurde es ernst: die ersten richtigen Serpentinen warteten. Jule übernahm das Co-Piloten- und Spotter-Amt mit Bravour und versorgte mich bei jeder Kurve zuverlässig mit den entscheidenden Infos: „Achtung eng!“, „Du hast noch 30 cm Platz!“ – echtes Teamwork eben.
Langsam, aber sicher wühlte sich Roady höher und höher. Zum Glück kaum Gegenverkehr – unser Adrenalin blieb noch im Rahmen. Nach einem kleinen Fotostopp auf über 1070 Metern sprangen wir schnell raus und machten das klassische Hochsommer-im-Schnee-Foto in Shorts – bei gefühlten 25 Grad.
Jetzt ging’s richtig los: Gamle Strynefjellveg! Vorher noch schnell andere Camper gefragt: „Freie Fahrt?“ – „Ja klar, fahren ständig Autos durch!“ – okay, los geht’s. Die Route führte an türkisen Bergseen vorbei, zwischen Schneefeldern (eher XXL als „klein“), und immer wieder leuchteten bunte Blumen in der kargen Landschaft.
Am Straßenrand sonnten sich gefühlt alle deutschen Camper Skandinaviens in der Wildnis – richtiges Freiluftwohnzimmer. Die Straße selbst? Solide Schotterpiste, meist einspurig. Aber der Verkehr lief erstaunlich entspannt. Dank Jule als mein zweites Paar Augen war das Slalomfahren zwischen Felsen und Abgründen ein Kinderspiel (naja, fast).
Nach 27 km Schotter – und gefühlt 200 Schlaglöchern – hatten unsere Räder endlich wieder Asphalt unter den Füßen. Roady atmete auf (wir auch) und rollte Richtung Geirangerfjord. Die Camperdichte nahm minütlich zu. Man spürte förmlich: Wir nähern uns dem Touristen-Hotspot.
Dann die letzte Abfahrt: Serpentinen-Downhill Richtung Fjord. Roady rollte gefühlt von selbst – ich musste nur noch bremsen. Unten angekommen war klar: Willkommen in der Postkartenhölle! Jedes verfügbare Fleckchen war zugeparkt. Autos, Camper, Busse – sogar der Bürgersteig (sofern vorhanden) war voller Menschen. Ein Kreuzfahrtschiff fehlte gerade noch – Gott sei Dank.
Am Campingplatz dann die erste Abfuhr: Voll. Kein Platz mehr, wir sollten es woanders versuchen. Stimmung: leicht eingetrübt. Es war immerhin erst 15:30 Uhr – aber Geiranger ist halt Geiranger.
Also Serpentinen wieder halb hoch. Zweiter Campingplatz? Schon ein anderer Camper vor uns – zeigte nur stumm auf das Schild: Nur noch Zeltplätze frei. Uff. Wieder Serpentinen runter. Dritter Platz? Großes norwegisches Schild: FULLT – auf gut Deutsch: Komplett voll.
Kurze Krisensitzung im Camper. Einhelliger Beschluss: Geirangerfjord wird gestrichen. So schön er auch sein mag – wir wollen schließlich übernachten und nicht campen im Kreisverkehr.
Plan B: 30 Minuten Fahrt, eine kurze Fährüberfahrt – und ein vielversprechend bewerteter Campingplatz etwas weiter auf der Route. Aber vorher musste Roady noch einmal alle Kraftreserven mobilisieren und die Serpentinen aus dem Fjord wieder hochwuchten.
Gegen 18 Uhr war es geschafft: Neuer Campingplatz gefunden, Stellplatz bekommen – Roady abgestellt, wir auch. Er hatte heute wirklich Höchstleistung gezeigt. Aber wir auch! Wir verleihen uns selbst das Abzeichen „Geprüfte Serpentinenstraßen-Fahrer“.
Kaum eingeparkt, wurde die Notfallration Eis von gestern geplündert. Absolut verdient. Cheers auf Roady und auf uns!
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