Stromausfall, Wasserfälle und kalte Füße
Nach einer erholsamen Nacht starteten wir heute mit einer kleinen Überraschung: kein Landstrom mehr im Camper! Erst dachten wir, die Sicherungen ist gekommen und haben hektisch alles durchgecheckt. Ergebnis: keine Lösung. Aber wir waren nicht allein. Unser Nachbar kam grinsend rüber und verkündete: „Stromausfall auf dem ganzen Campingplatz.“
Na gut. Kein Weltuntergang – wir sind schließlich autark ausgerüstet. Also gab es trotzdem ein gemütliches Frühstück im Camper. Beim Gang zur Toilette entdeckten wir dann auch den Zettel, der alles bestätigte: „Stromausfall im ganzen Tal bis 9 Uhr.“
Das lustigste Schauspiel war aber das Aufstehen der anderen Camper: der erste verschlafene Gang führte fast immer direkt zur Steckdose draußen. Stecker raus, wieder rein, Sicherung rauf, runter – alles in der Hoffnung auf das Stromwunder. Erfolglos natürlich. Immerhin blieb der große Kaffeepanik-Aufstand aus. Man hatte ja noch den guten alten Gaskocher.
Irgendwann wurde der Aushang aktualisiert: Strom sollte ab 12 Uhr wieder da sein. Wir also noch schnell die letzten Nachrichten per Mobilfunk rausgeschickt und dann los zum Briksdalsbreen-Gletscher.
Die heutige Wanderung hatte es etwas mehr in sich: 250 Höhenmeter warteten auf uns. Beim Loslaufen merkten wir gleich: Einsam wird das heute nicht. Ein Touri-Bus nach dem anderen rollte vorbei und auf dem Parkplatz wartete bereits der Shuttle-Service für alle, die sich die Höhenmeter sparen wollten. Wir? Wir sind natürlich zu Fuß gegangen – ist ja schließlich Abenteuerurlaub!
Der Weg führte an einem wilden Gletscherfluss entlang und schon bald hörten wir das Donnern des Kleivafossen-Wasserfalls. Man kann ihn nicht überhören – 10.000 Liter Wasser stürzen hier pro Sekunde runter und begrüßen einen schon aus der Ferne mit tosendem Applaus. Die Gischt war bei dem warmen Wetter eine willkommene Abkühlung.
Nach einer weiteren Steigung und gefühlt 100 Fotopausen standen wir schließlich am Gletschersee des Briksdalsbreen. Die Reisebus-Touristen waren mittlerweile alle per Shuttle hochgekarrt worden, es war also etwas voller, aber noch erträglich.
Ich knipste fleißig Fotos, während Jule sich einen gemütlichen Platz am Ufer suchte, Nase in die Sonne, Füße im Wasser (naja, fast). Ich wollte natürlich auch den ultimativen Gletschersee-Moment und hielt meine Füße hinein. Resultat: sofortiger Kälteschmerz. Nach fünf Sekunden war klar: Baden fällt heute aus. Aber immerhin kann ich jetzt mitreden, wenn es um die erfrischende Qualität norwegischer Bergseen geht.
Der Gletscher selbst meldete sich übrigens auch einmal spektakulär zu Wort – ein tiefes Grummeln hallte durchs Tal. Alle Köpfe drehten sich sofort Richtung Eis, als wollte er sagen: „Leute, reicht jetzt mit dem Fotoshooting.“ Wir haben das als höflichen Hinweis verstanden und machten uns auf den Rückweg.
Dabei trennten wir uns sogar kurz, weil Jule einen anderen Weg wählte. Ich wollte sie anrufen, um zu fragen, wie weit sie schon ist – aber mein Handy zeigte stolz: Kein Netz. Ein kurzer Flashback an unsere heimischen Funklöcher. Am Ende war sie auch nur zehn Minuten schneller und wir gingen völlig analog Richtung Camper weiter.
Am Souvenirshop erwartete uns die nächste Erkenntnis: immer noch Stromausfall. Offenbar hatten die Akkus vom Funkmast inzwischen auch beschlossen, Feierabend zu machen und ihren Dienst einzustellen – deshalb gab es auch kein Mobilfunknetz mehr. Norwegen unplugged, sozusagen.
Der Aushang am Campingplatz verkündete mittlerweile, der Strom sollte „ab 15 Uhr“ zurück sein. Wir hielten das für optimistisch, hatten aber noch die leise Hoffnung auf Waschmaschinenaction. Ein Teil der Wäsche war immerhin schon gestern erledigt.
Wir machten also erstmal das, was Camper in solchen Situationen tun: Markise raus, Stühle raus – und in der Sonne ausruhen. Ich war so erfolgreich im Entspannen, dass ich ein spontanes Schläfchen einlegte. Jule rätselte währenddessen in ihrem Buch.
Denn natürlich kam die nächste Änderung: Strom nun ab 19 Uhr. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Dafür gab es aber eine grandiose Nachricht an der Rezeption: Gratis-Eis! Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und brachte gleich eins für Jule und mich. Die Kühltruhe war noch schön kalt und gut gefüllt – ein klares Zeichen dafür, dass man sich auf eine längere Strompause eingestellt hatte. Jule revanchierte sich später mit Nachschub und organisierte noch zweimal Eis. Notfallration sozusagen.
Abends machten wir noch einen kleinen Spaziergang zu einem Aussichtspunkt über dem Campingplatz. Der Strom-Aushang war da inzwischen optimistisch auf 21 Uhr aktualisiert worden. Wäsche waschen war damit endgültig Geschichte für heute. Wir gingen auch nicht mehr nachsehen – wir sind ja schließlich im Urlaub und nicht beim Stromanbieter beschäftigt.
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